Lebst du noch –
oder coachst du schon?


Die Kontrollgesellschaft wandelt sich zur Therapiegesellschaft. Mit teils bizarren Folgen


Von Lothar Kittstein und Michael Lippold


Früher war es so einfach, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Es gab einen Chef, der war schon immer der Chef und blieb es bis zum Ende. Der Lohn kam jeden Monat. Mochten die Tage auch lang sein, so war doch nach Feierabend Schluss. Heute wird der Arbeitnehmer zum Unternehmer seiner selbst. Jeder ist seine eigene Firma und deshalb verantwortlich dafür, das eigene Leben und die eigene Persönlichkeit ständig zu optimieren und zu vermarkten.


In dem Wort der „Ich-AG“ kristallisierte sich dieser Trend auch sprachlich. Die Grenzen zwischen Leben und Beruf verschwimmen. Hierarchien werden flacher, Organisationen flexibler – und alles wird undurchschaubarer. Die Geschwindigkeit nimmt zu.


Das alles erzeugt Stress. Und ein Gefühl von permanenter Überforderung. Der Titel Zu spät! Zu spät! Zu spät! geht zurück auf einen Artikel der Journalistin Susanne Schneider, die 2011 im Magazin der Süddeutschen Zeitung über die Auswirkungen dessen, was sie eine „neue Lebensform“ nannte, schrieb: „Die Geduld verschwindet, ständige Eile gilt als erstrebenswert; Fehler werden kaum noch verziehen, der Erfolgsdruck steigt, weil ja heute alles mit ein paar Mausklicks zu machen ist; die gegenseitige Kontrolle nimmt zu, weil man verhindern will, dass jemand hoffnungslos zurückliegt, oft aber auch, weil man das Gegenteil fürchtet.“


Wer nicht mehr „klar kommt“, lässt sich coachen


Wer bei diesem Rennen aus der Kurve zu fliegen droht, begibt sich in Behandlung. Die gute, alte Kontrollgesellschaft, die von klaren Fronten und offener Disziplinierung gekennzeichnet war, hat sich zur Therapiegesellschaft fortentwickelt, in der man nicht mehr hart bestraft, sondern freundlich behandelt wird. Die „weiche“ Selbstkontrolle durch Psychotechniken hat die alten Strategien der sozialen Kontrolle abgelöst.


Und weil nicht jeder gleich als verrückt oder krank abgestempelt werden will, weil er zum Therapeuten geht, hat sich eine Zwischenform besonders schnell verbreitet: das Coaching. Wer heute nicht mehr „klar kommt“, nicht mehr weiter weiß, wer einen Rat braucht, wer schnell(er) vorankommen will, lässt sich coachen. Oder, noch besser: lässt sich gleich selbst zum Coach ausbilden. Die Biografien, die so entstehen, sind bizarr, komisch, aber auch seltsam-tragisch. Im Phänomen Coaching spiegeln sich wie in einem Brennglas die Sehnsüchte und die Widersprüche unserer Gesellschaft.

COACHING


Unter Coaching versteht man die individuelle Beratung einer Person auf Zeit. Der Begriff vereint eine Vielzahl von Methoden, mit denen neue Kompetenzen zur Entwicklung persönlicher oder beruflicher Ziele trainiert werden sollen. Im Beruf (Business Coaching) geht es vor allem um Konfliktlösungen im Team, um Leitungskompetenz oder schlicht den Wunsch nach beruflicher Weiterentwicklung. Im Privatleben (Life Coaching) geht es vor allem um eine Verbesserung der Lebensqualität und Stärkung der individuellen Persönlichkeit, um Zeit- und Selbstmanagement. Der Begriff Coach ist hierbei nicht geschützt, und die Branche ist sehr unübersichtlich.

Idler-Bewegung: Tom hat Zeit


Der Brite Tom Hodgkinson weiß: Jährlich sterben zwei Millionen Menschen an den direkten Folgen ihrer Arbeit. Das soll ihm nicht passieren. Er lebt auf einem Bauernhof und schreibt über die Süße des Nichtstuns. Sein neues Werk ist „Das Buch der hundert Vergnügungen “.  Von Matthias Leybrand


Kulturzeit/Capriccio (3sat/Bayerisches Fernsehen), 24.10./10.10.2013

Pionier der Selbstoptimierung


Wie werde ich glücklich? Womit sich heute eine ganze Industrie beschäftigt, hat eigentlich der Münchner Gustav Grossmann erfunden: Im Jahr 1927 entwarf er eine methodische Anleitung zur Selbstverwirklichung, die ihm Tausende (prominenter) Anhänger und jede Menge Geld einbrachte.  Von Thomas Steinfeld


SZ-Magazin 2/2012

Hilfe! Wer coacht mich?


Profil Coaching, Mental Coaching, After Work Coaching – das Internet ist voll mit Angeboten. Doch für den Laien bleibt vieles im Nebulösen. Wie findet man den passenden Berater? Ein Coaching für die Suche nach dem Coach.  Von Petra Kirchhoff


Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.11.2012

Kommen wir hier noch raus?


Ja, sagt der britische Intellektuelle Tom Hodgkinson. Wir leben zwar im falschen System, aber wir könnten auch anders.  Von Susanne Gaschke


Die Zeit, 29.08.2011

Am Rand meines Lebens


Vor lauter Arbeit am Computer findet das ruhige Landleben nicht statt. Müßiggang zu lernen, ist schwer.  Von Hilal Sezgin


Die Zeit, 30.08.2011

Zu spät! Zu spät! Zu spät!


Es ist einfach zu viel, es geht alles zu schnell, die Welt dreht sich wie verrückt, wie soll man da noch mitkommen? Jeder Mensch hat heute das Gefühl, er sei mit allem ständig im Verzug. Ein Hilferuf.  Von Susanne Schneider


SZ-Magazin, 20/2011

How Coaching Works

Was ein guter Coach können muss


Die Anzahl der Coaches hierzulande steigt, jeder kann als Berater arbeiten. Einheitliche Ausbildungsstandards fehlen. Stiftung Warentest hat nun Kriterien aufgestellt.  Von Lea Deuber


Die Zeit, 27.9.2013

Was bringt Zeitmanagement?


Zeitmanagement boomt. Wer wissen will, wie er seine Zeit effektiv nutzt, kann unter Hunderten von Buchtiteln wählen. Seit den 1990er-Jahren publizieren die Verlage jedes Jahr mehr Ratgeber, die Zeitmanagement für jede Lebenslage anbieten. Die Ratschläge wiederholen sich: Zeitpläne und To-do-Listen machen, Routinetätigkeiten zu Blöcken zusammenfassen, Pausen einlegen, nicht verplante Pufferzeiten vorsehen und Sperrstunden für Wichtiges reservieren. Aber reicht es wirklich, einfach eine Liste mit nützlichen Ratschlägen und Tipps abzuarbeiten?


Quarks & Co (WDR Fernsehen), 3.9.2013

Wo bleibt die gesparte Zeit?


Neue Technik hilft uns, immer mehr Zeit zu sparen. Warum haben so viele Menschen trotzdem ständig keine Zeit und sind dauernd in Eile - wo bleibt also die gesparte Zeit? Wir könnten sie mit Ausruhen und Kaffeetrinken verbringen. Doch der Soziologe Hartmut Rosa meint: Wir nutzen die gewonnene Zeit nicht für Muße - sondern wir nutzen sie, um einfach mehr zu tun: mehr zu erledigen, weiter zu reisen, mehr Aktivitäten in unsere Freizeit zu packen. Der Teufelskreis der Beschleunigung im Videofilm.  Von Daniel Haase


Quarks & Co (WDR Fernsehen), 3.9.2013

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